Im Buch von Eugen Ruge wird der Fokus auf den Sohn gelegt, seine Krankheit in der Gegenwart von 2001, an der er bald sterben muß; im Film von Matti Geschonneck stehen die Eltern im Mittelpunkt des Geschehens, während der (Stief)Großvater in beiden Werken längst in der Vergangenheit zurückgeblieben ist. Alles dreht sich um den 90. Geburtstag von Wilhelm Powileit im Jahre 1989 und die Tatsache, daß der Enkel aus der DDR in den Westen abgehauen ist. Erinnerungen werden aufgearbeitet, während die DDR ihren letzten Seufzer abgibt. Gedanken zu einem hochgelobten Buch und einem Film, der hauptsächlich in Programmkinos läuft, wohl weil er die DDR einmal nicht als Vorlage für eine Komödie benutzt.

Evgenia Dodina & Sylvester Groth
Evgenia Dodina als Irina Umnitzer, Sylvester Groth als Kurt Umnitzer

In Zeiten des abnehmenden Lichts – das Buch

Es ist stets ein gutes Zeichen, wenn sich die 534 Seiten eines Buches innerhalb von sechs Tagen lesen lassen, auch wenn man gewöhnlich kein allzu schneller Leser ist.

Denn ich hatte eine Abmachung mit mir selbst. Ich hütete gerade das Haus meiner Eltern und hatte entsprechend die Sächsische Zeitung zu meiner Verfügung, als am 31. Mai 2017 dort ein Vorbericht zum Kinostart von In Zeiten des abnehmenden Lichts am darauffolgenden Tag erschien. Bis dato hatte ich keine Ahnung davon, daß dieser Film existiert, geschweige denn das Buch. Doch als ich las, daß Sylvester Groth und Bruno Ganz im Film keine unwichtigen Rollen spielen, war mein Interesse geweckt. Und die Abmachung geschlossen: Ich würde mir das Buch besorgen, es lesen und danach den Film im Kino sehen.

Wie das bei mir gewöhnlich der Fall ist, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, konnte es nun gar nicht schnell genug gehen. Innerhalb der nächsten Stunde waren das Buch geordert sowie der Termin für den Kinobesuch auf den 13. Juni 2017 fixiert. Das einzige Problem daran war nur, daß ich das Buch an meine Heimatadresse hatte schicken lassen, und dort traf ich erst am 04. Juni 2017 wieder ein. Doch letztlich sollte das nicht das letzte Problem gewesen sein. Es gab nämlich Lieferschwierigkeiten, das Buch wurde erst am 07. Juni 2017 ausgeliefert, allerdings an einen Nachbarn, weil ich noch bei der Arbeit gewesen war, als es bei mir eintraf. Tatsächlich konnte ich es noch an jenem Abend in meinen Händen halten, doch zu lesen begonnen hatte ich erst am 08. Juni 2017.

Eugen Ruge_In Zeiten des abnehmenden Lichts_Buchcover_Sonderausgabe
Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts, Reinbek bei Hamburg (Sonderausgabe November) 2013.
Weshalb dieser ganze Zirkus? Nun, in jenem Vorbericht zum Film stand geschrieben, daß es besser sei, zunächst das Buch gelesen zu haben und erst dann den Film zu sehen. Man würde vieles einfach besser verstehen. Um eines vorweg zu nehmen: dieser Tip war völlig unsinnig, denn der Film beginnt im Grunde das Buch wortgetreu nachzuerzählen (zum Teil hätte ich die Dialoge zwischen Kurt und Alexander mitsprechen können), nimmt sich danach allerdings viele Freiheiten. Beides hat mich mit der Kenntnis des Buches sehr gestört – zumal meine Lektüre tatsächlich unmittelbar war.

Wenn ich es noch einmal machen könnte, dann würde ich das Buch entweder mindestens ein halbes Jahr vor dem Kinobesuch lesen oder erst danach. Vielleicht hatte ich aber auch nur zuviel DDR-Erfahrung, so daß mir gewisse Hinweise und Anspielungen durchaus geläufig waren, während ein Westdeutscher es möglicherweise als hilfreich empfindet, einige Dinge im voraus erklärt zu bekommen.

Was ich nun im Teaser zu diesem Beitrag bereits leicht süffisant als hochgelobtes Buch bezeichnet habe, ist durchaus lesbar. Vom Stil her eher schlicht und schnell zu lesen, kam mir diese Tatsache entgegen, denn ich hatte nach Erhalt des Buches nunmehr nur noch fünf Tage Zeit, um es zu lesen. Letztlich blieben mir noch knapp einhundert Seiten, als ich denn im Kino saß. Doch gerade in diesem letzten Fünftel des Buches wird einiges beschrieben, was im Film dann recht frei wiedergegeben wird. Entsprechend war ich trotz ungenügender Lektüre völlig ausreichend vorbereitet.

Worum geht es nun? Einmal wieder um eine durchaus priviligierte DDR-Familie, die unter den gegebenen Umständen nicht wirklich leiden muß. Deshalb kann sich jedes Familienmitglied auch die Freiheit herausnehmen, die gegebenen Umstände zu kritisieren, ohne sie wirklich ändern zu wollen. Wirkliche Spannungen existieren lediglich innerhalb der Familie. Doch die werden selten angesprochen. Jeder wirft jedem im Geiste vor, was er im Leben verpaßt hat. Das Grundproblem dabei ist, daß gedankliche Kommunikation niemandem hilft. Die Probleme werden heruntergeschluckt zum vermeintlichen Wohl des Ganzen, während sie sich auf diese Weise nur verstärken. Genau das war schließlich auch ein Hauptproblem des Staates DDR: Probleme wurden nicht behoben, sondern nur vergrößert. Von oben oktroyierte Regeln wurden unten hintergangen, weil es so, wie es oben ausgedacht wurde, unten nicht funktionierte.

Wie im großen Ganzen des Staates DDR, wo Regierung und Bevölkerung nebeneinander her gelebt haben, so versucht schließlich auch jeder in der Familie Umnitzer / Powileit so zu leben, wie es aus seiner individuellen Sicht am besten für die Familie ist. Die einzelnen Kapitel im Buch springen zeitlich stets vor und zurück, wobei sich eine gewisse vorwärtsbewegende Spirale ergibt; jedes Kapitel wird aus der Sicht eines bestimmten Familienmitglieds erzählt. Dem Leser werden Intentionen, Gefühle und Probleme jedes Individuums also deutlich, während sie den Charakteren innerhalb der Familie verborgen bleiben. Jeder meint, genau so zu leben, wie er glaubt, daß es für das große Ganze am besten ist.

Doch tatsächlich schwelen unter dem Mantel des Schweigens die Vorwürfe, die sich im Laufe des Buches immer mehr Bahn brechen. Kurz vor der Wende beginnt die Familie – auch ein wenig initialisiert durch die politischen Ereignissen um sie herum – sich diese Vorwürfe gegenseitig an die Köpfe zu werfen. Jeder glaubt, daß nur er selbst habe zurückstecken müssen im Leben, damit es den anderen gut geht. Insgeheim verachtet jeder jeden, weil keiner erkennen kann oder will, daß alle ihren Beitrag geleistet haben – einen irrig schweigenden.

Nicht nur an einer Stelle des Buches habe ich während der Lektüre aufschreien mögen: Herrgott, jetzt redet halt miteinander! Sprecht aus, was euch nur durch den Kopf geht! Seid verdammt noch mal nicht so feige! In diesem Sinne ist In Zeiten des abnehmenden Lichts wie ein Lehrbuch über gestörte Kommunikation und wie sie aufzubrechen ist.

Am Ende des Buches allerdings steht der unausweichliche Zerfall der Familie. Der Stiefgroßvater ist tot. Der Vater – einst Historiker an der Universität und von beredter Gelehrtheit – nun kaum noch fähig, auch nur ein Wort zu sprechen. Der Sohn unheilbar erkrankt. Der Enkel auf bestem Wege, ein Neonazi zu werden. Genau wie der Staat DDR ist auch die Familie Umnitzer / Powileit im Jahre 1991 an ihrem Ende angekommen. Ohne es bewußt wahrgenommen zu haben, denn es war ein schleichender Prozeß, der – am Ende schließlich doch irgendwie erkannt – nicht mehr aufzuhalten gewesen war. In dem Sinne ist In Zeiten des abnehmenden Lichts ein Spiegel seiner Zeit.

In der Realität können wir uns sicher sein, daß dort, wo gerade das Licht in Schatten und Dunkelheit übergeht, es irgendwann wieder zu Licht wird. Im Falle des Romans von Eugen Ruge bedeutet das jedoch, daß das Alte stirbt und etwas Neues beginnt. Nicht in jedem Fall eine tröstliche Tatsache, vor allem nicht für die Menschen, die am Ende ihres Lebens erkennen, daß sie es hätten besser haben können, wenn sie nur einmal ehrlich zu sich selbst und den Menschen um sie herum gewesen wären.

In Zeiten des abnehmenden Lichts – der Film

“Ich war noch nie so klar im Kopf wie jetzt”: Sascha (Alexander Fehling).
Im Gegensatz zum Buch, der den dortigen Protagonisten Alexander Umnitzer an Anfang und Ende stellt, beginnt und endet der Film mit gesprochenen Zitaten über fliegenden Landschaftsfahrten von Hauptdarsteller Sylvester Groth als Kurt Umnitzer. Während viele Ankündigungen und Rezensionen Bruno Ganz und sein Alter Ego im Film, den Stalinist und Familienpatriarchen Wilhelm Powileit herausheben, ist es tatsächlich Sylvester Groth, um den sich im wahrsten Sinne des Wortes alles dreht.

Der Zerfall der DDR und der Familie Umnitzer / Powileit wird im Film nicht anhand von Alexanders Reise nach Mexiko, seiner Krankheit sowie Unfähigkeit nach Bindung und Familiengründung nacherzählt. Im Mittelpunkt steht stattdessen der langsame Zerfall von Kurts Ehe mit Irina, die er Mitte der 1950er Jahre aus der Sowjetunion in die DDR mitgebracht hat.

In Zeiten des abnehmenden Lichts_Szenenfoto_Irina raucht
Findet Irina (Evgenia Dodina) Vergessen im Alkohol?
Während Kurts Biographie und Charakterisierung im Film klar ersichtlich und vielschichtig dargestellt wird, bleibt Irinas Selbst äußerst blaß. Sie ist auch die Person, die vom Buch zum Film viele Veränderungen hat über sich ergehen lassen müssen. Am deutlichsten wird das anhand ihres Todes. Im Buch stirbt sie im nun wiedervereinigten Deutschland, an den Folgen jahrelangen Alkoholmißbrauchs und zuletzt wohl an einem unbehandelten Schlaganfall.

Auch bei der Feier zum 90. Geburtstag von Wilhelm erscheint Irina im Buch nicht. Stattdessen betrinkt sie sich und hört, etwas wehmütig der alten Heimat nachtrauernd, russische Trinklieder. Kurt geht allein mit Nadeshda Iwanowna, der Mutter Irinas, zum Haus seines Stiefvaters und seiner Mutter Charlotte. Im Film erscheint Irina irgendwann doch noch, in recht angetrunkenem Zustand. Bei der Feier trinkt sie weiter, steuert dann aber selbstverständlich das Auto nach Hause. Als Kurt nach seinem Heimweg das Auto vor dem Haus wiederfindet, denkt er an seine betrunkene Ehefrau und will nur noch weg. Und weil er beim Anblick seiner Schwiegertochter zuvor unschickliche Gedanken hatte, muß er den Druck nun bei seiner sporadischen Geliebten Vera loswerden.

In Zeiten des abnehmenden Lichts_Szenenfoto_Nadeshda, Kurt und das Gurkenglas
Auf dem Weg zum Fest: Kurt (Sylvester Groth), Nadeshda Iwanowna (Nina Antonowa) und ein besonderes Geschenk.
Um Kurts Dilemma noch einmal kurz zusammenzufassen: Im Grunde liebt er seine Frau noch immer, doch die betrinkt sich ständig, unter anderem weil sie von Kurts Wildern in freier Wildbahn genug hat. Er hat ein ungesundes Interesse an seiner Schwiegertochter und gibt sich kaum Mühe, das zu verbergen. Immerhin gibt er sich seiner Lust nicht völlig hin, sondern sucht sich stattdessen die annähernd gleichaltrige Ersatzfrau.

Und dennoch: irgendwie versteht man Kurt – kann ihn moralisch nicht wirklich verurteilen. Was auch am Spiel von Sylvester Groth liegt. Sein Kurt ist jemand, der sich vom Stiefvater ungerecht behandelt fühlt, vor allem weil Kurt derjenige ist mit der entbehrungsreichen Vergangenheit und dem arbeitsreichen Leben, während Wilhelm in seinem Leben kaum gearbeitet hat, seine Lorbeeren aufgrund von Legenden und Propaganda erworben zu haben scheint. Im russischen Arbeitslager hat Kurt gelernt, schlimme Dinge einfach auszuhalten. Und so praktiziert er es auch nach seiner Rückkehr. Er hält aus, nimmt hin, Gelegenheiten aber auch wahr. Er lebt nicht aktiv, sondern passiv, weshalb auch der Streit zwischen Kurt und seinem Sohn Alexander deutlich abgeschwächter dargestellt ist als im Buch beschrieben.

In Zeiten des abnehmenden Lichts_Szenenfoto_Tablettendebatte
Tabletten nehmen oder nicht? Streitgespräch mit Ehefrau Charlotte (Hildegard Schmahl).
Wilhelm ist nun das genaue Gegenteil von Kurt. Obwohl Bruno Ganz seiner Darstellung durchaus sympathische Züge beigibt, wird der Familienpatriarch als derjenige deutlich, der er ist: ein Mann, der seine Frau lebenslang unterdrückt hat, und der sich auf seine Lebensleistung viel einbildet, obwohl er kaum etwas zustande bringt, im Gegenteil alles zerstört, was er anfaßt – so am Ende auch seine eigene Familie.

Es ist wohl ein wenig ironisch, wenn in der Presse hauptsächlich Bruno Ganz als Aushängeschild des Films erwähnt und interviewt wird, während Sylvester Groth in der Außenwahrnehmung scheinbar untergeht. Hier geschieht genau das gleiche wie im Film: Bruno Ganz erntet die Lorbeeren, obwohl er kaum Text zu sprechen hat und im Grunde die meiste Zeit im Ohrensessel sitzt, während Sylvester Groth in beinahe jeder Szene eine tragende Rolle spielt, lange Wege geht und den Film durch seine Rolle als Sprecher zu Beginn und Ende gewissermaßen zusammenhält. Wer auch immer den Einfall hatte, lediglich Regisseur Matti Geschonneck gemeinsam mit Bruno Ganz die Werbung für In Zeiten des abnehmenden Lichts zu überlassen: Gratulation, die Ironie ist gelungen!

In Zeiten des abnehmenden Lichts_Szenenfoto_Bring das Gemüse zum Friedhof
“Bring das Gemüse zum Friedhof!” Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) empfängt die Gratulanten.
Während das Buch eine Geschichte erzählt, die sich zeitlich über fünfzig Jahre erstreckt, kommt der Film mit ein paar Tagen aus. Alexanders Reise nach Mexiko wird völlig unterschlagen, ebenso wie seine spätere Krankheit. Überhaupt taucht der abtrünnige Sohn nur zu Beginn des Films und damit kurz vor seiner Ausreise aus der DDR auf sowie am Ende bei der Beerdigung seiner Mutter.

Zentrales Thema des Films, der zuweilen als Kammerspiel deklariert wird (obwohl ich mir darunter immer noch ein Stück in einem einzigen, von der Umwelt abgeschlossenen Raum vorstelle, was In Zeiten des abnehmenden Lichts nicht ist) ist Wilhelms 90. Geburtstag, und der wird zelebriert wie der Tag der Republik auf höchster DDR-Führungsebene. Linientreue Genossen strömen herbei, um Wilhelm zu huldigen und ihm seine Biographie vorzulesen. Nur noch wenig rot angehauchte Freunde, deren Angehörige bereits die DDR in Richtung Westen verlassen haben, werden des Powileitschen Anwesens verwiesen. Daß nun der eigene Enkel seine Familie auf diese Weise beschmutzt, macht Wilhelm letztlich wohl derart zu schaffen, daß er seinen 90. Geburtstag nicht überlebt.

In Zeiten des abnehmenden Lichts_Szenenfoto_Gratulation in violett
Melitta (Natalia Belitski) mit Sohn Markus (Elias Esser).
Am Ende ist es bezeichnend, daß während der Geburtstagsfeier die einzige gute Stimmung auf einem Mißverständnis beruht. Von der übertriebenen Feierlichkeit und andächtigen Stille ein wenig angeödet, stimmt Babushka Nadeshda eine russische Weise an, die die meisten Gäste für ein Trinklied halten und an entsprechender Stelle laut Wodka, Wodka mitgrölen. Tatsächlich singt Nadeshda jedoch wot kak, wot kak, was soviel wie hört nur, hört nur! bedeutet.

Weit weniger Mißverständnis als vielmehr Vorahnung scheint das tragende Zitat des Films zu sein: Bring das Gemüse zum Friedhof – die lapidare und oft wiederholte Bemerkung Wilhelm Powileits zu den Blumengeschenken der an ihm vorbeidefilierenden Genossen und Genossinnen ist als Herabwürdigung der gesamten Veranstaltung und der schenkenden Personen gemeint. Doch indem Wilhelm noch am selben Abend stirbt, erhält der Satz eine völlig neue Bedeutung: Bringt die Blumen zum Friedhof, ich komme dann nach.

In Zeiten des abnehmenden Lichts_Szenenfoto_russische Beerdigung
Der Rest der Familie Umnitzer / Powileit am Grab von Irina in Slawa.

Wie das bei Matti Geschonneck üblicherweise der Fall ist, wird auch In Zeiten des abnehmenden Lichts die Handlung ruhig und kompakt erzählt. Im Fokus stehen die Menschen und ihr jeweiliger Charakter, ihr Umgehen miteinander. Zu Beginn noch ein wenig sperrig, was aber wohl auf meiner persönlichen Empfindung beruht, weil hier die Dialoge weitestgehend dem Buch entsprechen, kommt vor allem zum Ende des Films ein wenig Fahrt auf. Man spürt den neuen Wind des Westens, den Gedanken des Aufbruchs in eine neue Zeit, aber auch die Sorgen der Alten, die zurückbleiben. Der Film lebt von seinen guten Darstellern, und das ist zu Zeiten von Digilalisierung, schnellen Schnitten und Computeranimation beinahe schon erfrischend.

In Zeiten des abnehmenden Lichts – ein Vergleich

In Zeiten des abnehmenden Lichts_Interview_Matti Geschonneck
Martin Schwickert, “Eine Ehe stirbt, eine Familie löst sich auf, ein System geht unter”, DRESDNER Kulturmagazin | Juni 2017.
Es ist wohl der Dramatik eines Films an sich geschuldet, daß das Buch ein wenig subtiler daherkommt als seine kinomatographische Umsetzung. So stellt sich Kurt im Buch nicht irgendwann in die Mitte der Geburtstagsgesellschaft, um dem für seine Verhältnisse völlig schockierten Wilhelm zu offenbaren, daß sein Enkel in den Westen abgehauen und deshalb nicht zu seinem Geburtstag erschienen ist.

Im Buch wird explizit angegeben, daß Charlotte am Abend der Geburtstagsfeier – gleichzeitig Wilhelms Todestag – im Bett das Buch Oliver Twist von Charles Dickens liest. Weshalb es im Film Anna Karenina von Lew Tolstoi sein mußte, liegt wohl daran, daß hiermit eine Art Selbstreflexion der Figuren im Film geschaffen werden sollte, immerhin handelt Anna Karenina von Ehe und Moral der russischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Charlotte hat ihr Leben für ihren Mann geopfert, ihre eigene Karriere hintangestellt, während Wilhelm ihr ständig vorhält, sie würde ihn vergiften wollen. Letztlich scheint das zumindest an jenem Abend der Wahrheit zu entsprechen. Doch den von Charlotte präparierten Tee hat Wilhelm gar nicht mehr anrühren müssen. Er ist auch so gestorben – vielleicht seine einzige gute Tat im Leben, um den anderen nicht mehr im Wege zu stehen.

Ein weiterer gravierender Unterschied zwischen Buch und Film ist die Art und Weise, wie der gedeckte Festagstisch am Ende in sich zusammenfällt. Wilhelm hatte ihn zuvor aufgebaut und unsinnigerweise mit Nägeln bearbeitet. Normalerweise hat Alexander den Tisch immer aufgebaut, doch der ist nun mal nicht da. Und Wilhelm ist überzeugt davon, daß er es selbst kann. Im Buch fällt der Tisch nun einfach ohne weitere Fremdeinwirkung zusammen, was mit dem Zusammenfall der DDR in Verbindung gebracht werden kann. Im Film ist es Markus, Alexanders Sohn, der gemeinsam mit seiner Mutter Melitta (Kurts Schwiegertochter) zur Feier kommt und beim Angeln nach einer Wurst den Tisch zum Zusammenfall inspiriert. Der Tisch, den üblicherweise der Sohn aufbaut, wird vom Enkel zerstört. Wenn das kein generationsübergreifendes Symbol für die gesamten vierzig Jahre DDR ist, dann müßte ich mich schon sehr wundern.

Regisseur Matti Geschonneck und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase haben das Buch in positiver Weise adaptiert. Daß der Film ohne Rückblenden auskommt, macht ihn für ein größeres Publikum zugänglich, auch wenn ich persönlich ein wenig mehr Subtilität vermißt habe. Der zuweilen recht trockene Humor des Buches wurde im Film leicht aufgeweicht und ebenfalls an den Massengeschmack angepaßt. Wenn etwa der ABV Schwierigkeiten hat, auf Toilette zu gehen, dann führt das haarscharf am Klamauk à la Sonnenallee vorbei. Derartige Szenen gibt es aber nicht viele, und das ist gut so.

In Zeiten des abnehmenden Lichts – ein Fazit

In Zeiten des abnehmenden Lichts_Interview_Matti Geschonneck_Bruno Ganz
Andreas Körner, “Mehr Blicke als Worte”, Sächsische Zeitung | 3./4. Juni 2017, M3.
Wenn ich eine Rezension zu einem Film schreibe, dann deshalb, weil es sich aus meiner Sicht lohnt, darüber zu schreiben. Sich Gedanken machen über das, was man soeben nur passiv konsumiert hat. Aktiv das Gehirn benutzen und die eigenen Reflektionen über das Gesehene in klare Worte fassen. Oft geht es mir so, daß mir ein bestimmter Sachverhalt erst klar wird, wenn ich darüber schreibe.

Wenn ich eine Rezension zu einem Buch schreibe, dann ist das einfacher als über einen Film zu schreiben. Denn im ersten Fall habe ich das Buch direkt bei der Hand, kann darin blättern, etwas noch einmal kurz nachlesen. Bei einem Film, der noch im Kino läuft, von dem es noch keine DVD gibt, funktioniert das nicht. Bei detaillierten Rezensionen habe ich den Film oft auf meinem Laptop gespeichert. Einzelne Szenen schaue ich wieder und wieder an, bis mir endlich klar wird, was daran so bemerkenswert ist. Denn oft erkennt man etwas ja erst auf den dritten oder vierten Blick.

Vielleicht schaue ich mir In Zeiten des abnehmenden Lichts noch ein zweites Mal im Kino an. Sehr wahrscheinlich kaufe ich mir die Blu-ray, wenn sie (voraussichtlich) am 23. November 2017 erscheint. Möglicherweise benutze ich auch das Hörspiel, um noch einige Details zu ergänzen. Doch im wesentlichen geht es ja in einem Vergleich zwischen Vorgänger-Buch und Nachfolger-Film darum, inwieweit sich die Bilder, die ich mir selbst beim Lesen gemacht habe, dem entsprechen oder aber konträr zuwider laufen, die ich dann im Film gesehen habe.

So war die Lektüre des Buches für mich seltsam, weil ich schließlich bereits wußte, welche Parts Sylvester Groth und Bruno Ganz übernommen hatten. Ständig hatte ich bei der Charakterisierung der von ihnen zu spielenden Personen diese beiden im Kopf. Ich stellte mir vor, wie sie Kurt Umnitzer und Wilhelm Powileit darstellen würden. Zum Teil hatte ich bei wörtlicher Rede im Buch sogar ihre jeweiligen Stimmen, den Tonfall, den Akzent im Ohr. Das war nicht wirklich störend, nur eben – seltsam. In jedem Fall eine interessante Erfahrung.

Der Film selbst lädt zum nochmaligen Schauen ein, schon der vielen Requisiten wegen, dieser typischen DDR-Devotionalien, die in den Häusern Umnitzer und Powileit an allen Ecken plaziert wurden. Nostalgie macht sich da bei mir nicht breit, lediglich ein erfreutes Wiedererkennen nach dem Motto: genau, das hatten wir auch. Außerdem war es schön zu sehen, daß die Verhältnisse in der DDR in einem Film mal annähernd realistisch dargestellt wurden, weder mit wehmütigem Blick zurück noch überspitzter Albernheit. Mehr davon!

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