Wenn sich Alexa lang ausstreckte, konnte sie Alcatraz erkennen. Die ehemalige Gefängnisinsel. Gerade noch so lugten deren verfallene Gebäude über den Horizont. Und der bestand in Alexas Fall aus den kastenförmigen Häusern zwischen ihrer neuen Wohnung und der Bucht von San Francisco. Etwas nördlich der Lombard Street gelegen, hatte sie vermutlich noch Glück im Unglück gehabt, dass sie ihre ersten eigenen vier Wände nicht am anderen Ende der Stadt bekommen hatte. So war der Weg zu ihrer Ausbildungsstätte nur ein Katzensprung. Und mit ihrer Altbauwohnung würde sie sich schon noch anfreunden.

Alexa stammte aus dem kleinen Ort Carmel südlich von San Francisco, etwa anderthalb Autostunden entfernt und auch an der Küste zum Pazifik gelegen. Der Unterschied hätte nicht größer sein können. Doch Alexa hatte die beschauliche Atmosphäre der leicht verschlafenen Kleinstadt sehr gerne gegen die pulsierende, weltoffene Großstadt getauscht. Die Highschool hatte sie gerade hinter sich gebracht. Nun wollte sie dorthin, wo das Leben spielte. Das einzige, was Alexa an ihrem neuen Dasein bedauerte, war, dass sie ihre Mutter in Carmel hatte zurücklassen müssen. Dort gab es keine Geschwister mehr. Und ihren Vater hatte Alexa nie kennengelernt. Klar, ihre Mutter hatte ihre Freundinnen, und sie war ohnehin eine lebenslustige, jung gebliebene Frau im besten Alter, wie man so sagt. Doch das war ja nicht dasselbe.

Der kleine dreibeinige Schemel kippelte ein wenig, so dass Alexa abrupt aus ihren Gedanken gerissen wurde. Vielleicht sollte sie sich doch mehr aufs Fensterputzen konzentrieren. Ein Haushaltsunfall am ersten Tag in ihrer neuen Wohnung war das letzte, was Alexa jetzt brauchte. Also stieg sie kurz von dem Hocker herunter, um ihn ein Stück weiter nach rechts zu rücken. Dann hatte sie nur noch ein kleines Reststück von dem Staub und Vogeldreck der vergangenen Monate zu befreien. Und schon würde ihr Wohnzimmer viel freundlicher aussehen. Dieser Altbau aus den 1930er Jahren sah von außen zwar schäbig aus, doch immerhin ließen die hohen Fenster viel Sonne herein.

Überhaupt hatten Alexa die hohen Wände sofort gefallen, als sie vor ein paar Stunden, noch am frühen Morgen, hier aufgeschlagen war. Was war ihr auch anderes übrig geblieben? Irgend etwas Positives hatte sie hier schließlich finden müssen, um nicht sofort in Lethargie und Trübsinn zu verfallen. Übermorgen war ihr erster Ausbildungstag im Fort Mason Center direkt an der Bucht, und den wollte sie optimistisch beginnen. Mit guter Laune zur Arbeit zu erscheinen, war nie verkehrt. Und deshalb sah Alexa den schlechten Zustand ihrer Wohnung einfach als Herausforderung.

Als plötzlich das Smartphone in der linken Gesäßtasche ihrer Jeans mit den ersten Noten von Beethovens Neunter Symphonie auf sich aufmerksam machte, wäre sie beinahe erneut vom Hocker gefallen. Ihr altes Shirt, mit dem sie das Fenster geputzt hatte, landete neben ihr auf den Holzdielen, während Alexa sich mit beiden Händen am Fensterkreuz festklammerte. Ihre beste Freundin Carla hatte ihr jeden Tag mindestens einmal eingeschärft, sie solle endlich diesen Klingelton ändern. Vielleicht war es nun an der Zeit, das endlich zu tun.

„Mum, deinetwegen hätte ich hier fast meinen ersten Unfall gebaut,“ war Alexas Begrüßung für ihre Mutter, als sie von dem kippeligen Schemel gestiegen und das Handy aus ihrer Hosentasche gefischt hatte.

„Ich wollte doch nur hören, ob du gut angekommen bist, Alexa,“ ertönte die Antwort von der anderen Seite. Und Alexa war sofort wieder entspannt. Es tat gut, ihre Mutter zu hören.

„Weiß ich doch, Mum. Ich habe nur gerade Fenster geputzt, damit ich endlich genau erkenne, wie schlimm es um meine Wohnung wirklich steht,“ sagte Alexa und konnte sich bereits denken, dass das eine Steilvorlage für ihre Mutter war.

„Habe ich dir nicht gesagt, dass du das nicht übers Internet machen sollst?“ hörte Alexa prompt und verdrehte im Stillen ihre Augen. „Die stellen da Bilder ein, die gar nicht zur Wohnung gehören. Aber wenn du den Vertrag erst unterschrieben hast, kommst du da so schnell nicht wieder raus.“

„Naja, so schlimm ist es auch nicht, Mum, mach dir nur keine Sorgen. Ich habe hier allerdings noch etwas zu tun und möchte zeitig fertig sein. Ich rufe dich am Abend nochmal an, okay?“

Alexa spürte, dass ihre Mutter noch viele Fragen hatte, um sie noch lange am Telefon zu halten. Dennoch akzeptierte sie den Vorschlag ihrer Tochter. Sie war jetzt erwachsen und musste diesen Schritt gehen. Und sie würde ganz sicher nicht eine dieser Mütter sein, die ihrer Tochter im Weg standen.

Zum wohl letzten Mal an diesem Morgen war Alexa auf den Hocker gestiegen, um ihren Fensterputz zu beenden. Sie schaute sich um, als sie fertig war, wo sie ein noch weitgehend kahles Zimmer angähnte. Die Holzdielen knirschten an einigen Stellen, als sie an der Matratze vorbei in die Küche ging, um dort ihr altes Shirt notdürftig in der Spüle zu reinigen. Danach verstaute sie es in einem kleinen Karton, in dem sich all die Putzmittelchen befanden, die ihr ihre Mutter von zu Hause mitgegeben hatte. Alexa hatte gemeint, dass es Spülmittel und Reinigungspaste nicht nur in Carmel, sondern bestimmt auch in San Francisco geben würde. Doch ihre Mutter hatte sicher gehen wollen. dass Alexa nicht einfach vergaß, sich derartiges überhaupt zu besorgen. Immerhin hatte sie ihre Tochter in zwanzig Jahren ein wenig kennengelernt.

Grinsend, aber auch etwas wehmütig packte Alexa das Putzzeug zusammen und schloss die Tür der Spüle. Sie wollte gerade etwas zur Ruhe kommen und aus dem Fenster schauen, als es an ihrer Wohnungstür klingelte. Sie erwartete keinen Besuch, immerhin kannte sie hier niemanden. Auch ihren Arbeitskollegen würde sie erst übermorgen zum ersten Mal begegnen. Wer also mochte auf der anderen Seite ihrer Wohnung stehen? An der Tür befand sich kein Türspion, was eigentlich ungewöhnlich war für diese alten Häuser aus den 1930er Jahren. Aber die schlimmen Bandenkriege hatten sich damals eher im Nordosten, vor allem in Chicago, abgespielt, und alle Verbrecher von San Francisco waren auf Alcatraz gut untergebracht. Vielleicht war es einfach nicht nötig gewesen, übervorsichtig zu sein.

Doch Alexa war ihr erster Besucher im neuen Leben nicht geheuer, weshalb sie durch die Tür hindurch fragte, wer dort sei.

„Der Hausmeister, Miss Williams,“ erklärte eine dunkle Männerstimme von der anderen Seite. „Ich komme wegen der Wohnungsabnahme und müsste auch die erste Monatsmiete direkt mitnehmen.“

Die erste Monatsmiete! Daran hatte Alexa gar nicht mehr gedacht. Hoffentlich würde sie mit dem Hausmeister reden können, wenigstens bis sie ihr erstes Ausbildungsgehalt in den Händen hielt. Ihr nächster Anruf bei ihrer Mutter sollte sich nicht direkt um Geld drehen. Also setzte Alexa ein Lächeln auf und öffnete dem Hausmeister die Tür.

Der Mann vor ihr sah auf den ersten Blick gar nicht aus wie ein Hausmeister. Er war beinahe einen Kopf größer als Alexa, schlank und durchtrainiert, aber nicht zu muskulös, wie es schien, etwa im Alter ihrer Mutter, hatte intelligente blaue Augen und kurzes dunkelblondes Haar. Statt eines Blaumanns trug er eine Jeans und einen halblangen schwarzen Mantel. Für die Wohnungsabnahme benötigte er vermutlich keine Arbeitskleidung. Also verdrängte Alexa die Alarmsignale, die der Mann ausstrahlte.

„Ich hatte Sie noch gar nicht erwartet, erst für morgen oder übermorgen,“ gab Alexa zu bedenken und hoffte, dass der Hausmeister den Hinweis verstand und zunächst nicht mehr auf die Miete eingehen würde.

Er schaute sie ein wenig zu lange an als nötig gewesen wäre, räusperte sich dann und fragte, ob er hereinkommen dürfe.

„Für die Wohnungsabnahme muss ich die Wohnung sehen,“ erklärte er, und Alexa konnte das irgendwie nachvollziehen.

„Klar… Entschuldigung,“ nuschelte sie, machte dem Hausmeister Platz und ließ die Tür hinter ihm ins Schloss fallen. Hätte er nicht wenigstens ein Namensschild an seiner Jacke tragen müssen? Hatten Hausmeister Ausweise? Alexa war sich plötzlich nicht sicher, ob ihre Entscheidung so weise gewesen war. Aber hatte sie überhaupt eine Wahl gehabt?

Sie lief dem Mann in ihr kahles Wohnzimmer nach, wo der gerade einen Blick auf den Kachelofen in der Ecke warf.

„Der ist noch gut in Schuss,“ sagte er, ohne sich zu Alexa umzudrehen. „Aber seien Sie vorsichtig, wenn Sie ihn zum ersten Mal benutzen. Legen Sie nicht zu viele Kohlen hinein und stapeln Sie die Kohlen nicht. Bleiben Sie am besten dabei und lassen Sie die glühende Asche nie länger als einen Tag drin.“

Alexa nickte, als er sich ihr endlich wieder zuwandte und sich dann weiter im Zimmer umschaute.

„Sie sind erst heute Morgen angekommen?“ fragte er, aber es klang so, als müsste Alexa nicht darauf antworten.

„Übermorgen ist mein erster Ausbildungstag. Und wenn ich es schaffe, schaue ich mich danach noch nach Möbeln und ein wenig Dekoration um,“ erklärte sie daher und folgte seinem Blick, der sich nur an der Matratze etwas länger festhielt. Sonst gab es ja hier noch nichts. Immerhin war die Küche bereits mit Spüle, Herd und einem Tisch ausgestattet, so dass Alexa der Campingkocher für die ersten Tage erspart blieb.

„Dann wollen Sie also wirklich hier bleiben?“ wollte der Hausmeister überraschend wissen, und in seinem Blick lag diesmal wirklich nichts, über das Alexa hätte besorgt sein müssen. Im Gegenteil schien er besorgt zu sein.

„Es ist die einzige Wohnung, die ich mir leisten kann. Also bleibt mir nichts anderes übrig,“ sagte Alexa und zuckte mit ihren Schultern, um ihre beinahe hoffnungslose Lage zu illustrieren.

„Ich meine nur, dass… für gewöhnlich leben hier andere Leute als Sie. Aber wenn Sie einen guten Abschluss machen, bekommen Sie sicher bald eine bessere Wohnung in einer sichereren Gegend,“ sagte er und verhielt sich damit gar nicht mehr wie ein Hausmeister. Allerdings auch nicht wie ein Krimineller, weshalb Alexa letztlich beschloss, dass mit ihm wohl auszukommen sei.

Gemeinsam schauten sie sich noch die Küche und das kleine Bad an. Seinen Hinweis, bei nächster Gelegenheit den Duschvorhang auszuwechseln, ignorierte Alexa. Denn darauf war sie selbst auch bereits gekommen. Für ihre erste Zeit in San Francisco hoffte sie auf eine saubere Dusche an ihrem Ausbildungsplatz, die sie würde benutzen können. Aber das würde sie übermorgen erfahren. Und bis dahin musste eben die einfache Wäsche im Waschbecken genügen.

Als Alexa ihre Haustür bereits wieder geöffnet hatte, drückte ihr der Hausmeister einen kleinen Schlüssel in die Hand.

„Der passt unten an die Kellertür mit der Nummer Sechzehn. Dort stehen noch ein paar alte Möbel von… einem ehemaligen Hausbewohner. Wenn Ihnen davon etwas gefällt, dann nehmen Sie es einfach. Und wenn Sie Hilfe benötigen, dann melden Sie sich,“ sagte er, und Alexa fiel die kleine Pause auf, die er wohl nötig hatte, um ihr den Namen dieses mysteriösen Ex-Mieters nicht zu nennen. Aus welchem Grund auch immer.

Alexa ging nicht darauf ein, bedankte sich aber für den Schlüssel. Und dann fiel ihr doch noch etwas ein.

„Vorhin fiel es mir gar nicht mehr auf, aber im Wohnzimmer, an der Ecke zur Straßenseite, riecht es etwas muffig. Können Sie dagegen vielleicht etwas tun?“

Er versprach es, vertröstete Alexa allerdings auf morgen oder einen der folgenden Tage, da er jetzt leider beschäftigt sei. Dass er ihr noch einschärfte, stets die Haustür fest verschlossen zu halten, schien ihr unnötig, es extra zu betonen. Doch sie lächelte einfach, damit er beruhigt war. Und kurz darauf war sie erneut allein.

Gedankenverloren drehte Alexa den kleinen Schlüssel in ihrer rechten Hand. Sie hatte sich endlich in aller Ruhe vor das große Fenster im Wohnzimmer stellen können. Und als sie über dieses Wort nachdachte, musste sie plötzlich lachen.

Wohnzimmer! Nein, zum Wohnen sah hier noch nichts aus. Nicht einmal einen Stuhl besaß sie. Sie schaute auf den Schlüssel in ihrer Hand.

Plötzlich drang dieser muffige Geruch erneut an ihre Nase, und Alexa wusste, dass sie hier erst einmal raus musste.

Wenig später stand sie vier Stockwerke tiefer vor der schmalen Kellertür mit der Nummer Sechzehn. Wie alle Keller, in denen Alexa bisher gewesen war, strahlte auch dieser einen morbiden Charme aus. Es war so feucht, dass an den Steinwänden kleine Wassertropfen hinunterliefen. Es sah aus, als würden sie schwitzen. Doch es war kalt. Und es roch noch muffiger als in Alexas Wohnung – was irgendwie beruhigend war – Schimmel hatte hier und da schwarze Flecken gebildet und trug zum allgemeinen Überreiz an Gerüchen bei. Alexa nahm sich vor, sich bei ihrem nächsten Besuch ein Tuch um die Nase zu binden. Und dann war da noch dieser kalte Wind, der immer dann durch die Lüftungsschächte heulte, wenn draußen gerade ein Auto vorbeifuhr.

Je früher sie wieder aus dem Keller verschwand, desto besser war es. Also drehte sie den Schlüssel im Schloss und öffnete die Kellertür. Nachdem sie den Lichtschalter ertastet hatte, erkannte Alexa, dass der Hausmeister nicht zu viel versprochen hatte. Es stellte sich heraus, dass die schmale Kellertür einen weitaus größeren Raum verbarg. Gleich vorn waren drei Stühle übereinander gestapelt. Weiter hinten entdeckte sie einen Schrank, eine Truhe und eine kleine Kommode. Klar, all das war mit einer dicken Staubschicht überzogen. Und die Spinnweben, die überall von den Wänden hingen, hinderten Alexa daran, sich die Möbel genauer anzuschauen. Ihren Ekel vor Dreck und verborgenen Insekten überwand sie jedoch, als sie sich kurzerhand den obersten Stuhl schnappte.

Danach dauerte es ein wenig länger als zuvor, bis Alexa ihre Wohnungstür beruhigt hinter sich schließen konnte. Sofort hatte sie wieder die mahnenden Worte des Hausmeisters im Ohr und hing auch noch die Sicherheitskette ein, nachdem sie den Schlüssel ein zweites Mal im Schloss herumgedreht hatte.

Bis zum Abend hatte Alexa versucht, die Ursache für den muffigen Geruch zu ergründen. Er schien sich tatsächlich nur auf die Ecke links des Wohnzimmerfensters zu konzentrieren. Der Putz war dort leicht bröckelig, und als Alexa mit einer alten Gabel daran herumkratzte, fiel es ihr nicht schwer, ein paar darunter liegende Backsteine freizulegen. Doch die hatten mit dem Geruch nichts zu tun, soweit Alexa das erkennen konnte. Wenigstens intensivierte er sich nicht, was einerseits gut, andererseits eher schlecht war. Einerseits wäre die Luft bei geöffnetem Fenster noch erträglich, andererseits war sie dem Problem somit nicht näher gekommen.

Alexa richtete sich wieder auf, nachdem sie für den Moment aufgegeben hatte, dem Gestank, der eigentlich nicht nur muffig roch, beizukommen. Anfangs hatte sie noch gehofft, sich daran zu gewöhnen und es irgendwann gar nicht mehr zu riechen – so wie zu der Zeit, als der Hausmeister bei ihr gewesen war. Bestand da etwa ein Zusammenhang?

Doch Alexa konnte sich keinen denken, als es in ihrer Wohnung immer dunkler wurde. Mit dem Spätsommer ging die Sonne erneut merklich früher unter als noch wenige Wochen zuvor, und Alexa besaß nur eine große Kerze, die sie irgendwann anzündete, nachdem sie versucht hatte, ihre Mutter anzurufen. Sie hatte es ihr versprochen, und für gewöhnlich hielt Alexa ihr Wort. Doch ihr Handy fand plötzlich kein Netz mehr. Nicht vom Wohnzimmer aus, nicht von der Küche, und auch nicht aus dem Bad.

Vom Treppenhaus her hörte sie Schritte, die sich nach oben entfernten. Sie hätte um Hilfe bitten können. Vielleicht hätte das Telefon von diesen Unbekannten funktioniert. Doch die Nacht begann bereits. Alexa war allein. Sie kannte hier niemanden. Und ihre Nachbarschaft glänzte offenbar durch kriminelle Tendenzen.

‚Dann wollen Sie also wirklich hier bleiben?‘ Ausgerechnet jetzt fielen ihr die Worte des Hausmeisters wieder ein. Also kontrollierte Alexa noch einmal alle Schlösser an ihrer Wohnungstür. An diesem Abend – in dieser Nacht – würde sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Das nahm sie sich fest vor. Und ganz sicher wäre es nur von Vorteil, wenn sie früh schlafen ging. Nach der Busfahrt und dem ersten größeren Wohnungsputz war sie mittlerweile doch ein wenig kraftlos und müde. Das spürte sie erst jetzt, da sie endlich ein wenig zur Ruhe gekommen war.

Ihre Mutter hatte ihr noch heute Morgen am Busbahnhof einen Beutel mit ein paar Broten und etwas Obst zugesteckt, gegen das sich Alexa dort nicht mehr hatte wehren können. Jetzt war sie froh, es mitgenommen zu haben. Und sie war ihrer Mutter im Stillen dankbar. Gerne hätte sie es ihr persönlich gesagt. Doch so oft sie es auch noch versuchte – zuletzt lag sie bereits auf ihrer Matratze – ihr Telefon bekam einfach kein Netz zu fassen.

Immerhin funktionierte alles andere. Und so erkannte Alexa, dass es genau neun Uhr war, als sie das Licht der Kerze löschte und sich in ihre dünne Decke einwickelte.

Alexa hatte das oberste Fenster angekippt, so wie sie es auch in Carmel immer getan hatte. Sie brauchte einfach die frische Luft zum Schlafen. Und jetzt, wenn es bald wieder Herbst wurde, war die Luft endlich wieder eine Wohltat. Alexa mochte den Sommer und auch die tropischen Temperaturen, doch wenn die heiße Jahreszeit gar zu lange andauerte, hatte sie bisher noch in jedem Jahr den Herbst herbeigesehnt. Das war jetzt nicht anders.

Trotz ihrer Müdigkeit und Erschöpfung, den der vergangene Tag ihr gebracht hatte, konnte Alexa dennoch nicht einschlafen. Sie musste immerzu an die Worte des Hausmeisters denken, an einzelne Bruchstücke von dem, was er ihr gesagt hatte, vor allem über die Umgebung, die sie sich für ihre erste Wohnung in San Francisco ausgesucht hatte. Vielleicht waren ihre Sinne in der Dunkelheit geschärft, aber auch der Gestank aus der Zimmerecke zur Straße hin nahm nun wieder zu. Zudem hatte sich zum allgemein muffigen Geruch eine Art Fäulnis hinzugesellt, die sich bald im gesamten Raum zu verteilen schien.

Irgendwann stand Alexa entnervt von ihrer Matratze auf, um das große Fenster komplett zu öffnen. Sie öffnete die beiden unteren Flügelfenster und klappte sie jeweils zur rechten und linken Seite. Mit einem Haken fixierte sie die Flügel an der Wand, so dass sie in den kommenden Stunden nicht hin und her schlagen würden oder gar zu Bruch gingen. Dann sog Alexa die kühle Luft von draußen in ihre Lungen.

Es roch noch immer nach Stadt, nach Abgasen, Müll und den Ausdünstungen der Menschen, die unten auf den Gehwegen auf und ab liefen. Doch der Unterschied zu ihrer neuen Wohnung war dennoch enorm. Das wurde Alexa erst jetzt so richtig bewusst, denn als sie am Morgen aus dem Bus gestiegen war, hatte sie die Luft von San Francisco als extrem schmutzig wahrgenommen.

Wie schnell sich der Mensch doch anzupassen vermochte!

Da sie ohnehin noch nicht schlafen konnte, blieb Alexa noch für einen Moment am nun weit geöffneten Fenster stehen. Sie schaute an der Fassade herunter und meinte für einen Augenblick einen Schatten zu sehen, der hinter der nächsten Ecke verschwand. Ihr Blick blieb kurz daran hängen, doch nichts weiter geschah. Sicher hatte sie sich das nur eingebildet. Und auch wenn dort jemand um ihr Haus geschlichen war, wäre es im Grunde egal.

San Francisco war eine Großstadt. Und in ihr lebten Menschen. Es war sehr wahrscheinlich, dass nachts hier nicht nur die Katzen durch die Straßen streunten. Kriminelle Gegend oder nicht: ihre Wohnungstür war fest und sicher verschlossen, also hatte Alexa nichts zu befürchten. Wenigstens redete sie sich das ein.

Aber es funktionierte nicht vollends. Denn ihr Gehirn und ihre Kreativität spielten Alexa einen Streich nach dem anderen, als sie in der Nähe ihres Fensters an der Hausfassade mehrere Möglichkeiten ersann, wie Kriminelle doch den Weg in ihre Wohnung finden konnten.

Doch schließlich sah sie ein, dass sie sich damit nur selbst um ihren verdienten Schlaf brachte. Sie tastete sich zurück zu ihrer Matratze und wickelte sich noch tiefer in ihre Decke als zuvor. Alexa versuchte nun an ihre Mutter zu denken, an den Strand von Carmel, an ihren kleinen Garten und den Kirschbaum. Und dann war sie tatsächlich so müde, dass sie begann einzuschlafen.

Doch Alexa fiel in keinen tiefen Schlaf. Ihr Unterbewusstsein war noch immer hellwach, als sich in ihrem Wohnzimmer etwas zu verändern begann. Sie nahm es wahr, und ihre Instinkte ließen sie wieder erwachen. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand, wie das oft morgens der Fall ist. Ohne sich selbst zu bewegen, versuchte sie die Situation zu erfassen.

Und die sah noch immer dunkel aus. Doch da waren fremde Geräusche. Alexa wusste mittlerweile wieder, dass sie in San Francisco war, in ihrer neuen Wohnung im dritten Stock einer Altbauwohnung, in der es muffig und nach Schimmel roch. Doch was sie jetzt hörte, war kein Straßenlärm, kein Stimmengewirr von den Gehsteigen. Es kam direkt von ihrem Fenster, eine Art Knirschen.

Alexa erinnerte sich wieder, dass die Holzdielen ihres Wohnzimmers geknirscht hatten, als sie noch vor wenigen Stunden darauf hin und her gelaufen war. Konnte es sein, dass jemand in ihrer Wohnung war? Ein anderer als sie selbst?

Die dünne Bettdecke war plötzlich ein guter Freund, den sie umklammerte und nicht loslassen würde, egal was geschah. Alexa war nun wieder völlig wach und strengte sich an, jedes noch so leise Geräusch wahrzunehmen, das sie doch eigentlich gar nicht hören wollte. Aus dem Knirschen wurden Kratzgeräusche, und als sie endlich mutig genug war, einen Blick in ihr Zimmer, über den Rand ihrer Decke zu wagen, bewegten sich die Gardinen zu dem Takt einer ihr unbekannten Melodie.

Das Thema eines Horrorfilms, erst leise, dann lauter werdend, schneller, so als würden auch die Noten vom Unheil weglaufen, das doch gerade erst drohte.

Alexa spürte, wie die Panik in ihr wuchs und sich langsam durch ihren Magen fraß. Sie versuchte wieder normal zu atmen. Vielleicht träumte sie nur schlecht. Immerhin schlief sie auf ebener Erde in einem beinahe leeren Zimmer in einem alten Haus. Wenn das Gehirn nichts hat, was es verarbeiten muss, dann bildet es sich schnell Dinge ein, die es benutzen kann. Das sollte dann ein gesundes Misstrauen gegenüber der Umwelt hervorrufen. Instinkte ganz ferner Ahnen, die in einer fremden Umgebung nützlich sein konnten. Irgendwo hatte Alexa das mal gelesen. Und sie klammerte sich für einen Moment an diesen Gedanken.

Bis die Geräusche noch lauter wurden und sich nicht mehr verdrängen ließen. Ein kalter Lufthauch, der nicht von draußen stammen konnte, ließ ihre Haut zittern – und mit ihrer Haut ihren gesamten Körper.

Oder war es doch einfach nur eine Windböe gewesen? Und die Schritte? Stammten sie nicht vielleicht doch nur von dem Nachbarn über ihr? Diese alten Häuser waren doch oft sehr hellhörig, oder? Oder war es genau umgekehrt? Es war noch immer weit vor Mitternacht, also hatten einfach viele Menschen noch einiges zu tun.

Alexa versuchte, logisch zu denken und logisch zu sein. Sie war nie ein ängstliches Mädchen gewesen, doch vor Dunkelheit in der Fremde hatte sie doch stets Respekt gehabt. Das Knirschen der Vorhänge lag nun einfach an deren Alter. Sicher war die Gardinenstange ein wenig verrostet und die Ringe schabten nun darüber. Und das Ächzen und Kratzen gehörte einfach zu einem Baum, der irgendwo in der Nähe stand. Es musste ein großer Baum sein, mit starken Ästen. Und Alexas Gehör war noch nie so geschärft gewesen.

Zwischen die Logik mischte sich erneut Zweifel, als aus all den Geräuschen nun auch noch Stimmen drangen. Zunächst war es nur unverständliches Wispern. Doch dann konnte Alexa mehrere Stimmen unterscheiden. Einzelne Wortfetzen wischten über ihr Ohr. Und den Pilz roch sie nun so stark, dass sie die Decke erneut über ihren Kopf zog. Kleine Kinder machen das, wenn sie sich verstecken. Und in ihrer Naivität glauben sie, dass niemand sie sieht, wenn nur sie niemanden sehen.

Als Alexa plötzlich erneut Schritte aus dem Treppenhaus hörte, die nun von oben nach unten in ihr Stockwerk zu gehen schienen, wollte sie wieder Kind sein und bei ihrer Mutter in Carmel. Sie hatte mit Absicht ihren großen Plüschhasen, der genauso hieß wie ihr Heimatort, zu Hause gelassen. Schließlich war sie jetzt erwachsen. Doch genau jetzt hätte Alexa ihn gebraucht.

Als die Schritte am lautesten waren, stoppten sie plötzlich. Und Alexa hörte nur noch ihr eigenes Atmen. Doch sie zuckte zusammen, als sie Geräusche von ihrer Wohnungstür vernahm, die danach klangen, als würde jemand hereinwollen. Dann war es erneut still, doch nur um Alexa wenig später tatsächlich hochschrecken zu lassen. Denn nun rüttelte dieser Jemand an ihrer Tür, als ginge es um sein Leben – oder um ihr Leben.

Alexa spürte ihr Herz heftig gegen ihren Brustkorb schlagen. Unter ihrer Decke konnte sie es sogar hören. Es war genau der gleiche Takt wie das Rütteln an ihrer Tür. Und als sie schließlich krachend aus den Scharnieren sprang, setzte Alexas Herzschlag kurzzeitig aus. Durch ihre Bettdecke drangen feine, zuckende Lichtstrahlen an ihre Netzhaut. Die Augen hatte sie längst geschlossen, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Und dennoch sah sie, dass es in ihrem Wohnzimmer plötzlich taghell zu sein schien.

Und da waren auch die Männerstimmen wieder. Deutlicher, dunkler, aber noch immer unverständlich. Doch wäre es so viel besser gewesen, wenn Alexa gehört hätte, worüber sich die Männer unterhielten? Gut, vielleicht wäre es aufschlussreich gewesen, zu erfahren, ob sie sich über sie unterhielten, was sie mit ihr vorhatten – weshalb sie in ihrer Wohnung waren. Was Alexa aber vor allem wollte, war, dass es wieder dunkel und still würde.

Als hätte eine unsichtbare Macht ihre Gedanken hören können, war es plötzlich von einer Sekunde zur anderen nicht mehr hell. Und beinahe wäre Alexa erleichtert gewesen, so sehr, dass sie die Decke von ihren Augen zog, um endlich wieder ihre Lage festzustellen. Im ersten Moment glaubte sie wirklich, das alles nur ein Spuk gewesen sei, seltsame Wettererscheinungen wie ein Kugelblitz oder eine Windhose, die irgendwie den Weg in ihre Wohnung gefunden hatte. Schließlich gab es nicht nur unerklärliche Dinge zwischen Himmel und Erde. Auch hier auf der Erde waren zuweilen Phänomene am Werk, die bisher kein Wissenschaftler rational hatte erklären können.

Doch als sich Alexa wieder an die Dunkelheit um sie gewöhnt hatte, spürte und sah sie, dass sie tatsächlich nicht allein in ihrer Wohnung war. Sie versuchte, sich nicht zu bewegen, kaum bis gar nicht zu atmen. Selbst zu blinzeln schien ihr nur unnötige Geräusche zu verursachen. Leuchteten nicht die Augen von Katzen in der Dunkelheit? Wie war das bei Menschen? Vorsichtshalber kniff Alexa ihre Augen so weit zusammen, dass sie nur gerade noch so etwas erkannte.

Doch was sie da sah oder meinte zu sehen, gefiel ihr ganz und gar nicht. Drei Schatten bewegten sich zuckend an ihren Wänden entlang, erst aufeinander zu, dann wieder voneinander weg. Die Silhouetten ähnelten Menschen, waren aber stark verzerrt. Ein dumpfes Heulen, das wie wehleidiges Jammern klang, ging von ihnen aus. Und dann wurden ihre Bewegungen schneller. Immer, wenn sie aufeinander prallten, hörte Alexa etwas, das wie Schläge klang. Wäre dies eine Aufführung in einem Schattentheater gewesen, die Darsteller wären für ihre Kampfszenen gelobt worden.

Doch hier war das Bild beängstigend. Wind kam erneut auf und ließ die schweren Vorhänge beinahe bis in die Mitte des Wohnzimmers wehen. Die Schatten folgten, mitsamt ihrem Geheul und den dumpfen Schlägen, die gemeinsam mit den knirschenden Dielen wie ein Konzert aus dem Vorhof zur Hölle klang.

Alexa vermochte diesem Schauspiel nicht länger zuzusehen, weshalb sie sich erneut vollständig in ihrer Bettdecke eingrub. Dort wurde ihr jedoch eines klar: Wenn diese Schatten, zu wem oder was auch immer sie gehören mochten, ihr bis jetzt nichts getan hatten, war es doch möglich, dass das auch künftig so blieb. Sie klammerte sich an diesen Gedanken wie an ihre Decke. Immerhin besagte dieses Sprichwort doch, dass bellende Hunde nicht beißen. Vermutlich hätte sie es gar nicht mitbekommen, wenn diese Schatten ihr hätten etwas tun wollen. Und gerade als sie das dachte, schwoll das Geheul noch einmal beträchtlich an.

Bis es plötzlich erneut völlig still war.

Alexa war sich sicher, dass sie diese Spirale aus Schrecken und vorsichtiger Entspannung nicht mehr viel länger durchstehen würde. Entweder würde sie vor lauter Erschöpfung einschlafen – und wer mochte voraussehen, was danach mit ihr geschah? Oder aber es gehörte zum Spiel der Schatten, sie in den Wahnsinn zu treiben. Wie die Katze eine Maus nicht sofort fraß, sondern sie erst ein wenig herumschubste, sie entkommen ließ und erneut einfing, um sie dann endlich genüsslich zu verspeisen. Eine Katze besaß einen geradezu sadistischen Charakter, und diese Schatten waren wohl vom selben Schlag.

Also wartete Alexa unter ihrer Decke auf den nächsten Akt.

Und sie warte noch länger.

Doch als auch nach einer weiteren kurzen Zeit, die sich wie Stunden anfühlte, nichts weiter geschah, wagte sie es, erneut frischen Sauerstoff zu atmen. Ein sanfter Lichtschein von der Straße und den gegenüberliegenden Häusern spielte mit den Schatten der Gardinen, die sich sanft im Nachtwind bewegten. Doch das sah nicht ungewöhnlich aus. Eher friedlich. Und so, als wäre zuvor nicht das geringste geschehen.

Alexa wagte es schließlich, auf ihr Smartphone zu schauen, wo die Uhr ihr mitteilte, dass nach ihrem letzten Blick darauf kaum fünf Minuten vergangen waren. Ungläubig starrte Alexa ihr Handy an. War doch alles nur ein Traum gewesen? Das wäre ganz sicher nicht schlimm, denn Alexa träumte so etwas lieber als dass es ihr tatsächlich widerfuhr. Dennoch wollte sie das auch nicht in jeder Nacht erleben. Irgendwann würde sie schlicht Angst davor haben einzuschlafen.

Doch dann war doch etwas anders.

Alexa hatte soeben ihr Handy zwischen Kopfkissen und Matratze gelegt, als eine starke Windböe die langen Vorhänge vor den Fenstern zu neuem Leben erweckte. Beinahe schon reflexartig zog Alexa die Bettdecke bis zu den Augen über ihr Gesicht, so dass sie ihr Wohnzimmer gerade noch so im Blick hatte. Ihre Sinne waren erneut geschärft, und so hörte sie das leise Rascheln, das aus der linken hinteren Ecke des Raums an ihr Ohr drang, sehr deutlich. Es klang, als hätten Wind und Gardine dort etwas aufgewirbelt. Und dieses Etwas versuchte nun, seine überschüssige Kraft loszuwerden, indem es durch das Zimmer tanzte.

Denn das Rascheln bewegte sich jetzt. Mit jedem winzigen Windstoß, der in das Fenster hineinblies, hüpfte das Etwas weiter – mal hüpfte es einmal, dann auch zweimal, wenn der Wind etwas stärker gewesen war.

Und plötzlich glaubte Alexa zu wissen, worum es sich bei dem Etwas handelte: ein Stück Papier. Denn genauso raschelte Papier, wenn man es zusammenknüllte und in einen Papierkorb warf. Es beruhigte sie, dass sie darauf gekommen war, denn die Kerze wollte sie nicht noch einmal anzünden. Das einzige, was Alexa jetzt wollte, war endlich einzuschlafen.

Sie hätte das Fenster wieder schließen können. Denn vielleicht waren die Schatten von draußen gekommen. Die Männerstimmen hatten sich real angehört. Es war bestimmt kein Traum gewesen! Doch ihr Unterbewusstsein gab Alexa zu verstehen, dass sie heute Nacht nichts mehr zu befürchten hatte. Woher es diese Gewissheit nahm, war Alexa egal. Ihr genügte es, dass ihr Herzschlag sich nun endlich wieder normalisiert hatte. Ihr Herz war bereit dazu, mit ihr gemeinsam einzuschlafen. Und das hatte sie nach diesem Albtraum bitter nötig.

Als hätte der Wind sie nur auf das Stück Papier aufmerksam machen wollen, flaute er nun merklich ab. Bald war es völlig windstill. Es wurde auch sofort ein wenig wärmer. Wenn es so blieb, würde der Zettel auch morgen noch dort liegen, wo ihn die Windböen hingetrieben hatten: auf die andere, rechte Seite des Wohnzimmers, dort wo es nicht so streng roch. Doch als Alexa darüber nachdachte, fiel ihr mit einem Mal auf, dass auch von der linken Zimmerseite kein strenger Geruch mehr ihre Nachtruhe störte. Nun roch es beinahe wie an einem lauen Frühlingsabend in Carmel. Dieser Gedanke gefiel Alexa. Und deshalb schlief sie nun endlich ein.

Am nächsten Morgen wurde Alexa von Sirenen geweckt. Polizei und Krankenwagen, mehrere Fahrzeuge. Es war ungewöhnlich laut. Zuerst schob sie es darauf, dass sie in einer stark bevölkerten Gegend wohnte und das Fenster geöffnet war. Sie lebte jetzt in San Francisco. Daran würde sie sich vermutlich gewöhnen müssen. Dass es hier sicher nicht so beschaulich und etwas verschlafen sein würde wie in Carmel, hatte Alexa sich denken können. Doch nach den aufregenden Erlebnissen in der vergangenen Nacht war sie davon ausgegangen, dass ihr das Universum wenigstens einen entspannten Morgen gönnen würde.

Alexa wollte sich schon die Decke über den Kopf ziehen, als die Sirenen am lautesten heulten. Doch genau in dem Moment wurde es plötzlich still. Erst kurz darauf stellte sie fest, dass es nicht wirklich ruhig war. Denn nun war unter ihrem Fenster aufgeregtes Rufen zu hören, Stimmen sprachen durcheinander. Es schien eine aufgeregte Situation zu sein.

Normalerweise war Alexa äußerst neugierig. Ihre Mutter hatte es nie geschafft, ihre Geschenke zum Geburtstag und für Weihnachten so zu verstecken, dass sie sie nicht schon Wochen vorher fand. Wenn es etwas gab, das nach Geheimnis roch, wollte es Alexa stets ergründen und ging ihm solange nach, bis es gelöst war.

Doch heute Morgen war das anders. Alexa wollte nichts wissen von der Welt, jedenfalls nicht um halb sieben Uhr in der Früh. Von den Sirenen war sie aus ihrem Schlaf gerissen worden. Doch sie hatten sie nicht munter gemacht. Alexa war noch immer schläfrig und wollte sich eigentlich noch einmal auf ihrer Matratze umdrehen und diese Welt draußen ausblenden – wenigstens bis acht Uhr.

Aber die Welt tat ihr diesen Gefallen nicht. Denn nun polterten laute Schritte das Treppenhaus hinauf, direkt an ihrer Tür vorbei. Auch hier Geschrei und Stimmen, darunter immer wieder die Worte ‘Mord’ und ‘Tote’.

Und es waren schließlich genau diese Worte, die Alexa endlich aufstehen ließen. Sie würde schließlich doch keine Ruhe mehr finden. Denn wenn das geschehen war, was Alexa aus den wenigen Worten, die sie verstand, schloss, dann würde die Unruhe vor ihrer Wohnungstür ganz sicher länger dauern. Da spielte sie doch lieber mit, als sich unnötig zu ärgern.

Es war gut, dass es wenigstens in ihrem Bad still war, und so genoss Alexa ihre Morgenwäsche mehr als üblicherweise. Sie band sich ihre dunklen, halblangen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, stieg in ihre Jeans und zog ihre bunte Lieblingsbluse an. Dann ging sie in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Was auch immer geschehen sein mochte: auch sie hatte eine schlimme Nacht erlebt. Und Kaffee half bekanntlich in allen Lebenslagen.

Ein Schluck aus ihrer großen Tasse belebte Alexa bereits soweit, dass sie nun tatsächlich die Neugier packte und mit dem Kaffee in der Hand vor ihre Wohnungstür ging. Sie blieb direkt in der Tür stehen. Immerhin wollte sie nicht im Weg sein. Sie wollte keiner dieser Gaffer sein, die Hilfsmaßnahmen behinderten und nicht selbst mit anpackten, wenn sie dazu aufgefordert wurden. Deshalb stellte sie zunächst auch keine Fragen, sondern versuchte aus dem wilden Geplapper herauszuhören, was wohl passiert sein mochte.

Aus dem unteren Treppenhaus, sehr wahrscheinlich vom Erdgeschoss, hörte sie jemanden in ein Funkgerät sprechen. Immer wenn der Mann gerade fertig war mit einer Anweisung oder einer Bestätigung für das eben Gehörte, folgte dieses typische Klickgeräusch, das sie aus Fernsehserien wie CSI kannte. Von oben waren schlagende Türen und hin und her eilende Schritte zu hören. Offenbar suchten die Polizeibeamten etwas. Den oder die Täter? Hatten sie Hinweise darauf, dass er oder sie sich noch im Haus befanden? Aus dem, was gesagt oder gerufen wurde, konnte Alexa keinen deutlichen Hinweis heraushören. Nur, dass es um zwei Männer ging, die tot waren, schien ihr klar zu sein.

Alexa war aus ihrer Wohnungstür herausgetreten, um sich ein Stück über das Etagengeländer zu beugen. Sehen konnte sie dort nichts, da das Treppenhaus sehr eng war und es kaum einen Zwischenraum gab. Doch hören konnte sie dort besser. Außer ihr war sonst niemand aus den Wohnungen gekommen. Vielleicht waren die anderen Bewohner bereits an derartige Polizeiaktionen gewöhnt. Geschah so etwas etwa jeden Tag? Alexa nahm sich vor, demnächst ein paar Hausbewohner danach zu fragen. Denn wenn solch eine Nacht wie die letzte keine Ausnahme sondern Alltag war, musste sie dringend etwas anderes finden. Großstadt hin oder her, aber ein klein wenig Ruhe war doch nicht zu viel verlangt!

„Miss?“ fragte der Polizist neben Alexa nun bereits zum dritten Mal und tippte ihr schließlich mit einem Finger leicht auf die rechte Schulter. Alexa wirbelte erschrocken herum, und der Polizist hob sofort beide Hände, um ihr deutlich zu machen, dass es ihm lediglich um ihre Aufmerksamkeit gegangen war.

„Tut mir leid, Miss…“

„Williams. Alexa Williams.“

„Tut mir leid, Miss Williams. Ich bin Officer John Duncan,“ sagte der Polizist und hielt Alexa seinen Dienstausweis entgegen. „Ich habe nur ein paar kurze Fragen. Haben Sie in der letzten Nacht etwas Auffälliges gehört oder gesehen?“

Der gemütlich aussehende Mann Mitte Fünfzig mit dem Schnauzbart schien keine Erwartungen zu haben. Er spulte einfach sein Programm ab, so wie er es wohl bereits hunderte Male zuvor getan hatte. Doch eine Reaktion wie die folgende von Alexa war für ihn wohl zumindest ungewöhnlich.

„Das kann man so sagen,“ platzte es aus Alexa heraus, halb hysterisch, halb froh darüber, mit jemandem über diese Horrornacht sprechen zu können.

Wenig später beugte sich Officer Duncan aus dem noch immer geöffneten Fenster in Alexas Wohnung. Nachdem sie kurz zusammengefasst hatte, was ihr geschehen war, wollte es der Polizist genauer wissen und auch ihre Wohnung in Augenschein nehmen.

„Sie sind gerade erst eingezogen?“ fragte Officer Duncan über seine Schulter in Alexas Wohnung hinein.

„Ja. Gestern erst. Das war meine erste Nacht hier,“ sagte Alexa und wollte sich zu dem Polizisten ans Fenster stellen, damit er besser hörte, was sie sagte. Doch er gab ihr zu verstehen, dass sie etwas Abstand vom Fenster halten solle. Es sei offensichtlich, dass sie beiden Männer von ihrem Fenster aus zu Tode gestürzt seien. Spuren müssten gesichert werden. Ob Alexa heute Morgen bereits etwas angefasst habe.

Das verneinte sie mit dem Hinweis, dass es in ihrer Wohnung kaum etwas gäbe, was sich anfassen ließe. Sie sei nur in Bad und Küche gewesen. Und dorthin wären die Schatten nicht gekommen.

„Schatten?“ fragte Officer Duncan und wollte dazu offensichtlich Genaueres wissen. Und Alexa erzählte nun von Beginn an, was sie erlebt und gesehen hatte. Und das waren eben nur diese Schatten gewesen, die Männerstimmen dazu, aber kein Gesicht oder eine Körpergröße – nichts, was für eine Identifizierung oder ein Phantombild nützlich wäre. Was Alexa aber noch genau wusste, war, dass sie drei Schatten gesehen hatte. Zwei Männer lagen tot auf dem Bürgersteig. Also musste der dritte der Täter sein.

Und dann fiel Alexa noch etwas ein: „Bevor ich eingeschlafen bin, hat etwas geraschelt, und ich dachte, es geht schon wieder los, dass diese Schatten zurückgekommen sind. Aber die Schatten kamen nicht zurück. Stattdessen raschelte es weiter, und irgendwann habe ich mir gedacht, dass das ein Stück Papier sein muss. Und dann bin ich eingeschlafen.“

Sie konnte sich noch daran erinnern, dass das Rascheln zuerst aus der linken Ecke des Zimmers gekommen war, dort, wo es so muffig gerochen hatte. Und dann hatte sie kurz etwas gesehen, das vom Wind in die rechte Ecke geweht worden war. Alexa schaute sich um, lief dann zur gegenüberliegenden Seite und fand tatsächlich einen Zettel, der ein wenig zerknittert war. Sie hob ihn auf und fand darauf eine mit Bleistift geschriebene Nachricht:

Liebe Alexa,
ich hoffe, du bist mir nicht böse, dass ich dich so erschreckt habe. Glaube mir, es ging nicht anders. Aber jetzt ist alles gut. Dein Leben in San Francisco kann endlich beginnen. Ich wünsche dir viel Erfolg dabei.
Liebe Grüße, Dad.

Alexa hatte die kurze Nachricht laut vorgelesen, so dass auch Officer Duncan sofort wusste, was auf dem Zettel stand. Doch beide wussten nicht, was sie davon halten sollten, Alexa vielleicht sogar noch weniger als der Polizeibeamte.

„Ich habe keine Ahnung, was das soll. Ich kenne meinen Vater nicht,“ sagte Alexa schließlich und die Verwirrung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich weiß nicht mal, wer er ist,“ fügte sie ein wenig leiser und etwas beschämt hinzu.

Der Polizist schaltete schneller. Aus seiner Hosentasche holte er einen Klarsichtbeutel hervor und wies Alexa an, den Zettel dort hineinzustecken.

„Wenn Sie den Zettel gestern hier noch nicht gesehen haben, dann muss er in der Nacht dorthin gekommen sein. Er ist ganz klar für Sie bestimmt. Und nach dem, was darin angedeutet ist, könnte er von dem dritten Mann, vielleicht dem Täter, stammen,“ erläuterte Officer Duncan seine Sicht der Dinge und weshalb es notwendig war, dass er den Zettel zur Untersuchung auf seine Dienststelle bringen musste. Immerhin ließ er sie noch ein Foto davon mit ihrem Smartphone machen.

„Wir benötigen auch Ihre Fingerabdrücke. Zu Vergleichszwecken,“ sagte er weiter, und Alexa versprach, am Nachmittag in seine Polizeistation zu kommen. Schließlich hatte sie nichts zu verbergen. Und hoffentlich wurde so das Mysterium um die seltsame Nachricht gelöst.

Während der Polizist noch bei ihr war, kamen ein paar Leute in Ganzkörperschutzanzügen in ihre Wohnung, um Spuren zu sichern. Währenddessen nahm Officer Duncan Alexas Aussage vor ihrer Tür zu Protokoll. Und diesmal standen auch ein paar Hausbewohner herum, die die Szene neugierig betrachteten. Alexa war das nicht sehr angenehm, und sie war froh, als sie nach dem ganzen Rummel ihre Wohnungstür wieder schließen konnte und allein war.

Sie war schon immer gerne allein gewesen, doch noch nie so sehr wie gerade eben.

Wen sie jedoch sofort wieder vermisste, war ihre Mutter, die sie nun endlich versuchte anzurufen. Officer Duncan war davon ausgegangen, dass einer, zwei oder alle drei ihrer nächtlichen Besucher Störsender benutzt hatten, damit sie nicht die Polizei hatte anrufen können. Doch diesmal funktionierte ihr Smartphone tadellos.

Tatsächlich hatte sich ihre Mutter Sorgen gemacht und war hörbar froh darüber, als sie endlich wieder ein Lebenszeichen ihrer Tochter vernahm. Allerdings war sie erneut beunruhigt, als ihr Alexa von der Nacht und dem Polizeieinsatz erzählte. Sie war davon überzeugt, dass ihre Tochter auch in Carmel oder der nächsten Umgebung eine Ausbildungsstelle finden würde. Doch Alexa wollte davon nichts hören. Es sei ein holpriger Start gewesen, doch sie sei davon überzeugt, dass es nun bergauf ginge.

Und weil Alexa vermutete, dass sich ihre Mutter noch viel mehr aufregen würde, wenn sie ihr von der Nachricht auf dem Zettel etwas sagte, entschied sie sich dazu, ihr das zu verschweigen, bis ein wenig Zeit vergangen war. Vielleicht konnte ihre Mutter auch gar nichts damit anfangen. Also versicherte ihr Alexa noch, dass sie auf sich aufpassen würde. Diese vergangene Nacht sei nur ein etwas spezieller Willkommensgruß der Stadt San Francisco an sie gewesen. Und das brachte ihre Mutter tatsächlich ein wenig zum Lachen.

Den mittlerweile kalten Rest Kaffee, den sie in der ganzen Aufregung irgendwann vergessen hatte, vermachte Alexa der Spüle. Sie wollte gerade nach draußen gehen, um den chinesischen Imbiss zu besuchen, den ihr Smartphone ihr empfohlen hatte, als es an der Tür klingelte.

Alexa war überrascht darüber, dass sich der Mann, der vor ihrer Wohnung stand, als Hausmeister auswies. Er sei gekommen, um die Wohnung abzunehmen, was denn heute Morgen hier los gewesen sei. Alexa kam er äußerst suspekt vor, doch sein Besuch verlief ohne nennenswerte Vorkommnisse.

Ihre zweite Nacht in San Francisco war für Alexa ungleich ruhiger und entspannter. Sie musste noch immer auf ihrer Matratze schlafen, aber das würde sie auch noch für die kommenden Wochen. Doch immerhin besaß sie nun ein großes Bild mit einer wirkungsvoll beleuchteten Tagesansicht der Golden Gate Bridge. Von zu Hause hatte sie etwas Werkzeug mitgebracht, und als sie das Bild an die Wand ihres Wohnzimmers gehängt hatte, sah es schon nicht mehr so kahl aus. Am Abend hatte sie den Hausmeister – den tatsächlichen – angerufen, um ihn zu bitten, ein paar Möbel aus dem Keller in ihren dritten Stock zu tragen. Doch da er für derartige Arbeiten ein paar Männer benötigte, bekam Alexa erst für die kommende Woche einen Termin. Für ein paar weitere Tage wäre also die Golden Gate Bridge, neben dem Ofen, dem Stuhl und der Matratze, ihre einzige Inneneinrichtung. Doch das war in Ordnung.

Denn am nächsten Tag fuhr sie noch vor acht Uhr früh ins Fort Mason Center zu ihrer neuen Ausbildungsstelle und würde wohl erst abends zurück sein. Da genügten ihr das Dach über dem Kopf und die wenigen Bücher, die sie von zu Hause mitgebracht hatte.

Ihre neuen Arbeitskollegen mochte Alexa sofort. Mit ihr selbst war gut auszukommen, und das strahlte sie auch aus. Ihr neuer Arbeitsplatz war die J. Porter Shaw Library, wo Alexa den Beruf der Bibliothekarin erlernen wollte. Im Zeitalter des Internets war das wohl ein aussterbender Beruf, und ihre Mutter hatte ihr zunächst davon abgeraten, ebenso wie die meisten ihrer Freunde.

Doch J. Porter Shaw war eine Bibliothek, die sich auf die Geschichte San Franciscos spezialisiert hatte. Hier würde Alexa nicht nur etwas über Bibliotheken und das Bibliothekswesen erfahren, sondern auch die Geschichte ihrer neuen Heimatstadt kennenlernen, vielen interessanten Menschen begegnen. Und dieses Wissen würde hilfreich und sinnvoll für ihr gesamtes Leben sein. Davon war Alexa fest überzeugt. Außerdem gab es auf dem Gelände des Fort Mason Center viele Theater, Museen, und es befand sich direkt am Hafen. Hier würde es jeden Tag so viel Neues zu entdecken geben, dass Alexa bereits an ihrem ersten Tag wusste, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Gegen Mittag saß sie im Greens Restaurant, in das sie ihre Chefin Mrs. Johnson gemeinsam mit den beiden Kollegen Peter und Rafael eingeladen hatten. Selbst hätte sich Alexa das teure Essen nicht leisten können, doch Mrs. Johnson lud sie ein, und dann stießen alle auf eine gute Zusammenarbeit an.

Doch plötzlich meldete sich Alexas Handy, und mit einem Blick darauf erkannte sie, dass es Officer Duncan war. Sie entschuldigte sich bei ihren neuen Kollegen und nahm vor dem Restaurant den Anruf entgegen.

„Sie müssen sofort zu uns auf die Dienststelle kommen, Miss Williams. Wir können Sie abholen. Wo befinden Sie sich gerade?“ fragte der Polizist, ohne das Gespräch mit den üblichen Höflichkeitsfloskeln einzuleiten. Offenbar war es ernst, und Alexa spürte sofort leichte Panik in sich aufsteigen.

„Ich bin am Fort Mason Center, in der Porter Shaw Library,“ gab sie deshalb nur knapp an, fügte jedoch schnell hinzu: „Das ist mein erster Arbeitstag. Ich weiß nicht, ob Mrs. Johnson mich gehen lässt.“

„Das wird sie müssen. Wir sind in etwa einer halben Stunde bei Ihnen, Miss Williams.“

Danach hatte er das Gespräch sofort beendet, und Alexa fragte sich, weshalb er heute so anders zu ihr war, unfreundlich.

Sie ging ins Greens Restaurant zurück und erzählte ihren Arbeitskollegen erst dann von den Vorkommnissen in ihrer ersten Nacht in San Francisco. Mrs. Johnson war verständnisvoll und zeigte Alexa gegenüber sogar ein wenig mütterliche Sorge, die ihr gut tat, sie andererseits aber auch etwas beschämte, vor allem gegenüber ihren neuen Kollegen.

„Ich werde dafür morgen länger arbeiten, versprochen,“ sagte Alexa, nachdem sie angekündigt hatte, dass sie die Polizei gleich abholen würde. Sie wüsste aber noch nicht, worum es geht. Das hätte der Polizist am Telefon nicht sagen wollen.

„Das machen die nie. Fluchtgefahr,“ sagte Peter und hörte sich dabei so an, als hätte er Erfahrung darin. Alexa hätte darüber wohl besorgt sein sollen, doch stattdessen beruhigte es sie.

Wenig später saß Alexa auf der Polizeiwache und starrte auf das Porträtfoto eines Mannes, das sie vom Bildschirm eines Computers aus ansah.

„Das ist Frank Lee Morris, mehrfach verurteilt wegen Drogenhandels und bewaffneter Raubüberfälle. Gemeinsam mit den Brüdern Anglin unternahm er 1962 einen Fluchtversuch von Alcatraz und wurde seitdem nie mehr gesehen. Und nun finden wir seine Fingerabdrücke auf dem Zettel in Ihrer Wohnung, von der aus in der vorletzten Nacht zwei Männer in den Tod gestürzt sind. Haben Sie uns dazu etwas zu sagen, Miss Williams?“ fragte Officer Duncan sie. Es war ihm deutlich anzumerken, dass er sich stark zusammennehmen musste, um seine Aufregung nicht zu sehr nach außen zu tragen.

Doch Alexa bekam von seinen Gefühlen wenig mit. Denn sie war zu sehr abgelenkt von dem Foto dieses Mannes. Schließlich sagte sie mehr zu sich selbst: „Das ist der Hausmeister, der meine Miete haben wollte.“

„Sagen Sie das nochmal,“ forderte Officer Duncan sie auf, nun in doch etwas schärferem Ton, der Alexas Blick endlich von dem Bildschirm weg zu dem Polizisten zog. Dabei streifte sie auch all die anderen Polizisten, die sich in das Büro von Officer Duncan gedrängt hatten. Bei so viel Aufmerksamkeit, die ihr höchstpersönlich gewidmet war, fühlte sich Alexa unwohl, vor allem weil sie nun plötzlich irgendwie verdächtig schien.

Ihr lag nichts näher, als Officer Duncan und seine Kollegen vom Gegenteil zu überzeugen.

„Genau dieser Mann war vorgestern bei mir,“ begann Alexa nun laut und deutlich. „Ich war gerade aus Carmel in San Francisco angekommen, und er hat sich als Hausmeister vorgestellt. Er sagte, er wolle meine Wohnung abnehmen und dass er meine Monatsmiete mitnehmen wolle. Er schien mir in Ordnung zu sein. Also habe ich ihn hereingelassen.“

„Ja, ja, das alles sagten Sie bereits gestern. Nur sollte Ihnen klar sein, dass dieses Foto mehr als fünfzig Jahre alt ist. Heute müsste Frank Morris, sollte er noch leben, neunzig Jahre alt sein. Ein alter Mann, Miss Williams, nicht der 33-Jährige, den Sie dort auf dem Polizeifoto sehen. Also?“ Officer Duncan war etwas ungehalten, doch das schüchterte Alexa nicht weiter ein. Im Gegenteil. Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und wandte sich dann erneut dem Foto von Frank Morris zu.

„Ich kann Ihnen nichts anderes sagen als die Wahrheit. Dieser Mann war bei mir, so wie er dort zu sehen ist. Mit den beiden toten Männern habe ich nichts zu tun. Wenn sie es waren, die mich vorgestern Nacht in meiner Wohnung fast zu Tode erschreckt haben, dann wollte mich der dritte Mann beschützen. Warum auch immer. Ich weiß da wirklich genauso viel wie Sie, sehr wahrscheinlich weniger. Mehr habe ich Ihnen nicht zu sagen,“ machte Alexa den Polizisten klar, dass sie deren Art ihr gegenüber nicht weiter tolerieren würde.

Sie hatte bisher nichts mit der Polizei zu tun gehabt und nicht vor, sich zu Unrecht beschuldigen zu lassen. Die Polizisten versuchten noch für eine gewisse Zeit, ihr weitere Informationen zu entlocken. Vielleicht hofften sie auch, dass sich Alexa in Widersprüche verstrickte. Doch mit beidem konnte sie nicht dienen. Und so musste die Polizei sie gehen lassen.

Wieder zu Hause, in ihrer neuen Wohnung, rief Alexa sofort ihre Mutter an. Sie musste ihr nun endlich von dem Zettel und seiner seltsamen Botschaft erzählen. Letztlich wollte sie aber über all das mit jemandem reden, der sie nicht wie eine Kriminelle behandelte. Nachdem Alexa ihrer Mutter die Neuigkeiten des Tages erzählt hatte, schickte sie ihr noch das Foto, das sie von dem Zettel gemacht hatte.

„Wie, sagtest du, war der Name von diesem Hausmeister?“ wollte ihre Mutter nach einer ganzen Weile, in der sie sich schweigend das Bild angesehen hatte, schließlich wissen.

„Den hatte ich dir noch gar nicht gesagt. Frank Morris hieß er, jedenfalls sah er genauso aus wie auf dem Polizeifoto, und die Fingerabdrücke auf dem Zettel gehörten zu ihm,“ sagte Alexa.

Ein längeres Schweigen erklang von der anderen Seite der Leitung.

„Mum?“ fragte Alexa nach, und schließlich meldete sich ihre Mutter wieder.

„Frank Morris hieß mein Vater, Alexa. Meine Mutter, deine Großmutter, hat ihn kurz erwähnt, bevor sie gestorben ist. So wie du wollte ich endlich wissen, wer mein Vater war. Meine Mutter war nicht stolz darauf, von einem One-Night-Stand schwanger geworden zu sein, und so wollte sie nie über ihn sprechen. Vielleicht wollte ich deshalb nicht, dass du nach San Francisco ziehst, so ganz allein, wegen der Nähe zu Alcatraz. Ich habe natürlich von dem Ausbruch gewusst, und obwohl es irgendwie recht paranoid ist, hatte ich Angst davor, dass Frank Morris dich finden könnte.“

„Wenn er es hat, dann will er aber, dass es mir gut geht, dann hat er mich vorgestern Nacht beschützt, Mum,“ versuchte Alexa ihre Mutter und sich selbst zu beruhigen. „Ich weiß nicht wieso, aber er sah genauso aus wie auf dem Polizeifoto von vor fünfzig Jahren. Vielleicht ist er ja so etwas wie ein Dämon, der nicht sterben kann, bevor er etwas Gutes getan hat und will mir hier beistehen.“

Alexas Mutter war sich da nicht so sicher. Doch sie musste zugeben, dass das mit dem Foto nicht rational zu erklären war. Schließlich ließ sie sich dazu erweichen, Alexa endlich von ihrem Vater zu erzählen. Zuweilen brauchte es eben doch etwas Abstand.


Diese Kurzgeschichte war eine Auftragsarbeit, die ich in den Open Orders von Textbroker gefunden habe. Ich hatte zehn Tage Zeit, fünf Tage habe ich benötigt. Normalerweise sind Dämonen, Vampire und all diese zur Zeit äußerst populären Gestalten nicht so mein Fall. Und vielleicht merkt man das auch ein wenig, denn ich habe versucht, dem Ganzen doch noch etwas Realität und Plausibilität beizugeben. Die Vorgaben des Klienten betrafen den Vornamen der Protagonistin (den ich hier geändert habe), den Handlungsort San Francisco, die erste Wohnung der Protagonistin im dritten Stock eines Altbaus, sowie Gestank, offenes Fenster und anfängliche Bewegungen der schweren Gardine in der ersten Nacht der Protagonistin in ihrer neuen Wohnung. Alles andere stammt von mir.

Geschrieben vom zehnten zum sechsten Tag vor den Kalenden des Oktober a.d. MMXVI
Wortanzahl: 8.500

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